Showmaster und Holocaust-Überlebender

Florian Lukas im Interview über Hans Rosenthal: "Manchmal ist es besser, das Grauen zu verdrängen"

02.04.2025, 13.57 Uhr
von Eric Leimann

Florian Lukas bringt Hans Rosenthal in einem neuen ZDF-Biopic zum Leben und beleuchtet die bewegende Geschichte des Showmasters, der 100 Jahre alt geworden wäre. Ein Film, der das Dilemma zwischen Unterhaltung und Erinnerung thematisiert.

Im ZDF-Biopic "Rosenthal" (Montag, 7. April, 20.15 Uhr, und in der ZDF Mediathek) spielt Florian Lukas ("Weissensee") die deutsche Showmaster-Legende ("Dalli Dalli"). Am 2. April wäre Hans Rosenthal, der 1987 an den Folgen einer Krebserkrankung starb, 100 Jahre alt geworden. Florian Lukas ist Berliner wie Hans Rosenthal. Beide wuchsen im Ostteil der Stadt auf. Der Schauspieler kam 1973 in der DDR zur Welt. Rosenthal wurde 1925 in eine jüdische Familie in Berlin-Prenzlauer Berg hineingeboren und erlebte als Kind die wachsende antisemitische Verfolgung durch den Nationalsozialismus. Zwei Jahre versteckte er sich während des Krieges als Jugendlicher in einer Gartenhütte. Nach der Befreiung Berlins machte Hans Rosenthal zunächst beim Rundfunk, später beim Fernsehen Karriere.

prisma: Sie sind 1973 geboren. Hans Rosenthal ist 1987 gestorben. Hatten Sie noch selbst eine Fernseh-Sozialisation mit "Dalli Dalli" am Donnerstagabend?

Florian Lukas: Nein, bei uns durfte man nur am Wochenende fernsehen. Meine Eltern gehörten zu einer Schicht von Akademikern, die mit Spiel-Shows nicht so viel anfangen konnte. Ich habe oft nachmittags heimlich Fernsehen geschaut, die Eltern sollten das möglichst nicht mitkriegen. Meine TV-Erinnerungen beziehen sich auf "Wetten, dass ..?", damals noch mit Frank Elstner am Samstagabend. Gottschalk übernahm dann irgendwann. Dazu gab es Schnittchen und Tee. Das ist eine schöne familiäre Erinnerung. An Rosenthal selbst habe ich keine Kindheitserinnerungen.

prisma: Sie wuchsen in Ostberlin auf. Wie war das Verhältnis Ihrer Familie zum Westfernsehen?

Lukas: Wir haben es geschaut – im Gegensatz zum Ostfernsehen. Klar war jedoch, dass man es in der Schule nicht herumerzählt hat. Es gab auch Haushalte, da durften die Kinder kein Westfernsehen sehen. Wenn die Eltern zum Beispiel bei den sogenannten Staatsorganen gearbeitet haben. Meine Eltern haben "Tagesschau" geguckt – und andere Sachen. Hans Rosenthal kam ja auch aus dem Osten der Stadt. Er hat ganz bewusst in diesen Teil seiner Heimatstadt hineingesendet. Weil die Leute dort keine Fernsehzeitschriften oder Zeitungen aus dem Westen hatten, wurden die Sendedaten der nächsten "Dalli Dalli"-Shows am Ende des Jahres mit einem Lied gesungen – damit sich die Leute das schon mal notieren konnten.

"Er hatte einen enorm starken Bezug zum Osten"

prisma: Rosenthal-Shows, ob nun im Hörfunk oder im Fernsehen, waren Straßenfeger – auch im Osten.

Lukas: Ja, der Westberliner Sender RIAS, wo Rosenthal angefangen hat, hat sogar Scheinadressen im Westberlin einrichten lassen, wohin die Fans aus dem Osten schreiben konnten. Rosenthal war es sehr wichtig, die Ostberliner teilhaben zu lassen. Seine gesamte Sozialisation fand dort statt. Auch die harten Jahre im Gartenlauben-Versteck vor den Nazis. Er hatte einen enorm starken Bezug zum Osten. Seine Familie kam aus dem Prenzlauer Berg, und mit dem verbinde auch ich viel Lebensgeschichte.

prisma: Ihr Film konzentriert sich auf das Dilemma, dass Rosenthal am 9. November 1978 die 75. "Dalli Dalli"-Sendung moderieren sollte – und er gleichzeitig zu einer wichtigen Gedenkfeier zur Reichspogromnacht eingeladen war ...

Lukas: Oliver Haffner, der die Idee zum Film hatte und auch Regie führte, kam auf diesen Ansatz über "Kulenkampffs Schuhe" von 2018. Das ist ein Dokumentarfilm, der verschiedene Kriegs- und Nachkriegsbiografien nebeneinander stellt. Darunter eben Hans-Joachim Kulenkampff und Hans Rosenthal. Es haben sich schon länger Menschen in Deutschland Gedanken gemacht, wie man Rosenthals Leben verfilmen könnte. Ich denke, dieses Dilemma bietet dafür einen tollen Ansatz.

prisma: Warum?

Lukas: Weil es viele von uns kennen, dass man versucht, bestimmte Teile seines Lebens auseinanderzuhalten. Hans Rosenthal war ein jüdischer Deutscher, der im Dritten Reich seine Familie verloren hat und mehrmals um ein Haar verhaftet, deportiert und getötet worden wäre. Trotzdem blieb er nach Kriegsende in Deutschland und machte beim Radio und beim Fernsehen eine große Karriere als Unterhalter. Er engagierte sich aber auch in der jüdischen Gemeinde. Für ihn waren dies getrennte Welten. Bis sie dann eben zu diesem Termin am 9. November 1978 aufeinanderprallten.

"Er liebte seine Showspiele wirklich aus ganzem Herzen"

prisma: 1980 erschien Rosenthals Autobiografie "Zwei Leben in Deutschland". Beschreibt er das Dilemma im Buch?

Lukas: Nein, diese Episode verschweigt er. Das Buch war trotzdem eine große Offenbarung für ihn. Die erste Hälfte beschäftigt sich intensiv mit dem frühen Tod der Eltern, dem Tod des kleinen Bruders, der deportiert wurde, seiner Zwangsarbeit und schließlich dem zwei Jahre langen Verstecken in einer Gartenlaube. Sein zweites Leben in der Unterhaltungskarriere hat er dann als unglaubliches Glück empfunden. Vielleicht war es die Dankbarkeit für dieses zweite Leben, die ihn zurückhaltend und demütig haben sein lassen.

prisma: Fast alle Menschen, die Rosenthal persönlich kennengelernt haben, beschreiben ihn als ungeheuer freundlichen und zugewandten Menschen. Hatte er auch eine andere Seite?

Lukas: Ja, durchaus. Das berichten Familienmitglieder, Kollegen und Mitarbeiter. Grundsätzlich war er schon dieser freundliche, lebensbejahende Mensch – und dazu unglaublich verspielt. Er liebte seine Showspiele wirklich aus ganzem Herzen. Er war aber auch ein Mensch, der Verlust kannte. Und er war ein Perfektionist, der seine Shows bis ins letzte Detail plante und alles kontrollieren wollte. Dann konnte er auch mal ungehalten sein. Etwas speziell ist auch, dass er wahnsinnig stolz auf all die Prominenten war, die in seine Shows gekommen sind. Seinem Buch hat er extra ein Register mit Prominenten beigefügt, die alle bei ihm zu Gast waren.

prisma: War Hans Rosenthal zu ängstlich, um aufzubegehren? Gegen das ZDF wegen des Termins der Jubiläumssendung oder auch gegen den nach wie vor präsenten Antisemitismus im westlichen Nachkriegsdeutschland?

Lukas: Ich weiß nicht, ob ich seine Zurückhaltung als Ängstlichkeit bezeichnen würde. Er hatte Verlustängste, wie schon gesagt, was aus seiner Biografie heraus mehr als nachvollziehbar ist. Ansonsten war er ein sehr pflichtbewusster Mensch, der eben auch dem ZDF gegenüber seinen Job erledigen wollte. Er wäre nicht so weit gegangen, die Sendung aufs Spiel zu setzen. Und er setzte auf die westdeutsche Demokratie. Er hoffte, dass die gesellschaftliche Entwicklung in eine Richtung voranschreiten würde, die für ihn als Juden in Deutschland das Leben sicher macht. Ich vermute, dass ihm auch seine Popularität Sicherheit gab. Eine Art existenzielle Sicherheit, die man aus seiner Geschichte heraus betrachten muss, glaube ich.

"Manchmal ist es besser, das Grauen zu verdrängen"

prisma: Was hat Hans Rosenthal angetrieben?

Lukas: Ich glaube, es war zum einen die Spiellust, die ein Stück weit aus einer verpassten Kindheit herrührt. Er war 20, als der Krieg endete. Vorher hatte er nicht viel kindliche Leichtigkeit erlebt. Später war es ihm wichtig zu vermitteln: Wir jüdischen Menschen sind nicht der Teufel, wir sind wie alle anderen auch. Nach den Jahren der antisemitischen Propaganda und des Holocausts war ihm das ein wichtiges Anliegen. In seinem Versteck hatte er ein Radio, auf dem er unter anderem die Hetzreden von Joseph Goebbels hörte. Dieses Radio spielte eine sehr wichtige Rolle in diesen Jahren, deshalb war es naheliegend, dass er unmittelbar nach Kriegsende zum Berliner Rundfunk ging und dort ein neues Leben begann.

prisma: Die westdeutsche Nachkriegszeit war von der Verdrängung des Holocausts und der Nazi-Zeit geprägt. Glauben Sie, dass auch Hans Rosenthal diese Zeit ein bisschen verdrängt hat – obwohl er ja sah, dass es überall noch Antisemitismus und Alt-Nazis in Amt und Würden gab?

Lukas: Ich glaube, ja. Manchmal ist es besser, das Grauen zu verdrängen, um weiterleben zu können. Mit manchen Dingen aus der Vergangenheit kann man besser, mit anderen schlechter leben. Vielleicht war es die Aufgabe der nächsten Generation, einen anderen Umgang zu fordern und umzusetzen. Hans Rosenthals erstes Leben war von schweren Verlusten und Todesangst geprägt. Wie lebst du danach weiter? Man versucht, aus den guten und glücklichen Dingen, die einem passieren, etwas zu machen. Wem will man diese Haltung vorwerfen?


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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