Interview zum 75. Geburtstag

Carlo von Tiedemann: "Der Bruder Leichtfuß ist Geschichte!"

von Frank Rauscher

"Ich bin ein alter Mann – nur fühle ich mich nicht so": Carlo von Tiedemann wird am 20. Oktober 75 Jahre alt. Ein Interview mit einer lebenden Legende der Unterhaltungsbranche.

"Rufen Sie mich in zehn Minuten noch mal an!" Carlo von Tiedemann bittet um etwas Aufschub fürs vereinbarte Interview. Das NDR-Urgestein ist nach einem Arbeitstag vom Sender in Hamburg heimgekommen, und zu Hause in Quickborn gibt es nun mal Prioritäten: "Erst kommt Anton", erklärt der Mann, dessen sonore Stimme ganz Deutschland kennt. Anton, erfährt man schnell, ist der Kater der Familie – "und wir sind selig, dass wir ihn haben". So kommt es, dass ein Gespräch anlässlich des am 20. Oktober anstehenden 75. Geburtstags des legendären Carlo von Tiedemann mit wortreichen Ausführungen über eine Katze beginnt. Was natürlich auch schon jede Menge aussagt über den Mann, der einst, wenn man es wohlwollend formuliert, ein wilder Hund war und ein gutes Stück deutscher TV- und Radiogeschichte mitgeprägt hat.

Anton also, dessen große Liebe vor einigen Monaten verstarb (sein schwuler Katzenfreund Paul – er wurde stolze 19 Jahre alt), sei "der Innbegriff eines Schmusekaters". Man müsse "sich nur auf zwei Metern nähern, dann schmeißt er sich auf den Rücken und schnurrt", lacht Carlo von Tiedemann. Der Moderator hat sich vor einem Millionenpublikum einst ein "Riesenarschloch" gescholten, aber, ehrlich, wer mit solchen Geschichten ein Interview eröffnet, kann kein schlechter Mensch sein.

prisma: Wie feiern Sie Ihren 75. Geburtstag, Herr von Tiedemann?

Carlo von Tiedemann: Gar nicht!

prisma: Wie bitte?

Carlo von Tiedemann: Absolut null – nada, nichts. Mit der Familie habe ich entschieden, dass wir gemütlich Kaffee machen, am Abend gehe ich mit ein paar Leuten essen – das war's. Ich habe es zum 70. krachen lassen – 400 Leute waren da. Und zum 80., 90. und 100. wird wieder Gas gegeben. Ich denke inzwischen in Zehnjahresschritten, sonst wird es inflationär (lacht).

prisma: Man hört es schon: Ihnen geht es richtig gut, oder?

Carlo von Tiedemann: Total. Ich bin top-fit und dafür sehr, sehr dankbar. Wenn man bedenkt, dass mein Leben seine dunklen Kapitel hatte, dass ich nichts habe anbrennen lassen ... Dafür habe ich wirklich eine stabile Konstitution und anscheinend auch eine äußerst gesunde Zukunft. Was für ein unfassbares Glück!

prisma: Wenn Sie schon die dunklen Kapitel ansprechen ...

Carlo von Tiedemann: Ja. Da waren Sex and Drugs and Rock'n'Roll – alles mit vielen Ausrufezeichen. Aber das ist Geschichte, darüber will ich nicht mehr reden.

prisma: Kann man sagen, Sie haben rechtzeitig die Kurve gekriegt – fast wie ein Mick Jagger oder Keith Richards?

Carlo von Tiedemann: (lacht) So ist es! Ich bin genau wie diese Jungs, nur nicht so berühmt und reich. Ende der 80er-Jahre war wirklich eine böse Zeit für mich, ist ja alles aktenkundig. Heute lebe ich anders.

prisma: Sie haben schon diverse Male offen über jene Jahre gesprochen.

Carlo von Tiedemann: Ja, natürlich. Alles kein Problem. Was mich stört, ist, dass das Netz nie vergisst und jeder immer noch alles Mögliche über mich finden kann. Ich habe daher ein sehr gestörtes Verhältnis zum Internet. Meine beiden kleineren Kinder – der Sohn ist heute 18, die Tochter 15 – haben früh bei der Google-Recherche Dinge über die Vergangenheit ihres Vaters erfahren, die ich ihnen gerne selbst gesagt hätte. Ehe ich in der Lage war, etwas zu erklären, hatten die Kinder alles im Internet gelesen. Aber auch da muss man durch. Wir haben ein tolles Verhältnis, das ist alles gegessen.

prisma: Was haben Sie Ihren Kindern in der Erziehung mitgegeben?

Carlo von Tiedemann: Dass sie Respekt haben sollen. Ganz besonders auch vor alten Leuten und armen Menschen. Denn wir alle werden einmal alt, und hinter jedem Bettler steckt eine Geschichte, ein Schicksal mit vielleicht schlimmen Brüchen.

prisma: Wir haben uns eingehend mit Ihrer Biografie beschäftigt und sind auf vier wesentliche Charakterzüge gekommen ...

Carlo von Tiedemann: Dann schießen Sie mal los!

prisma: Sie haben ein großes Herz, Sie haben viel Humor, Sie lassen sich niemals unterkriegen, und Sie sind auch ein Bruder Leichtfuß, was mithin selbstzerstörerische Züge hatte. Fehlt Ihnen was?

Carlo von Tiedemann: Ich bin sprachlos ... So hat das mir das zwar noch keiner gesagt, aber ich fühle mich hundertprozentig getroffen und habe dem nichts hinzuzufügen. Fast erschreckend. Nur eines will ich sagen: Der Bruder Leichtfuß ist Geschichte!

prisma: Und fast ein bisschen zu nett formuliert, oder?

Carlo von Tiedemann: (lacht) Stimmt schon. Das müssen Sie verdoppeln – machen Sie den zweifachen Bruder Leichtfuß draus. Mindestens. Frauen, Drogen, Luxus ... – Ich habe damals voll reingegriffen in die fiese Kiste und alles rausgeholt. Gott sei Dank habe ich das überlebt.

prisma: Was war der entscheidende Punkt, was genau lief schief?

Carlo von Tiedemann: Mein größter Fehler war der maßlose Egoismus. Ich habe so viel unfassbare Scheiße gebaut, das wollen sie nicht hören, das ist auch nicht mehr wiedergutzumachen. Ich hatte alles um mich herum ausgeblendet, anderen wehgetan – und das tut im Rückblick am allermeisten weh, deshalb möchte ich darüber nicht mehr reden. Es sind tiefe Narben da, die werden immer bleiben. Ich kann nicht vergessen, was ich gemacht habe. Never! Aber jetzt wird nach vorne geguckt. Schon seit über 20 Jahren.

prisma: Haben Sie sich auch selbst verziehen?

Carlo von Tiedemann: Das lass ich gelten: Ja, habe ich.

prisma: Auch in finanzieller Hinsicht? Sie sprachen im vergangenen Jahrzehnt öffentlich über Spielsucht und Überschuldung.

Carlo von Tiedemann: Ja, ich ging an die Öffentlichkeit, weil ich andere warnen wollte. Heute ist alles wieder gut, ich bin mehrfacher Millionär! (lacht)

prisma: Also jetzt Butter bei die Fische: Haben Sie noch Schulden?

Carlo von Tiedemann: Nein, keinen einzigen Cent mehr. Ich habe in etwas mehr als einem Jahrzehnt einen Schuldenberg getilgt, der rund 800.000 D-Mark betrug. Seit fünf, sechs Jahren bin ich schuldenfrei, alles abbezahlt. Darauf bin ich maßlos stolz – vor allem weil ich es als Einzelkämpfer geschafft habe und trotz allem meine Fröhlichkeit nie verlor. Das soll mir mal einer nachmachen!

prisma: Gab es keine Freunde, die geholfen haben?

Carlo von Tiedemann: Freunde gab es, einige haben mir auch ihre Hilfe angeboten. Aber ich habe immer gesagt: No! Das muss ich aus eigener Kraft schaffen – ich hab's ja verbockt. Das habe ich von meinem Vater geerbt. Der war preußischer General und lebte nach der Devise: Was du dir einbrockst, musst du auch selbst wieder auslöffeln. Oh, das waren sehr mühevolle Jahre. Eine Zeit, in der ich mir nichts, aber auch wirklich nichts gegönnt habe. Ich verdiente immer gut. Aber es waren keine großen Sprünge drin, denn alles Geld, das reinkam, ging direkt an Finanzamt und Banken. Das muss man erst mal verkraften. Mein toller Job hat mir da sehr geholfen, muss ich sagen.

prisma: Wieviel arbeiten Sie noch?

Carlo von Tiedemann: 16 bis 18 Stunden die Woche moderiere ich. Ich mache überwiegend Hörfunk, Fernsehen nur noch hier und da – aber ich bin gut beschäftigt. Ich könnte mir ein Leben ohne meine Arbeit auch nicht vorstellen.

prisma: Also ist noch nicht Schluss?

Carlo von Tiedemann: Nein, bitte nicht! (lacht) Bevor Sie weiterbohren, lasse ich die Katze aus dem Sack: Soeben habe ich mit dem NDR verlängert. Ich habe einen Vertrag bis Oktober 2020 unterschrieben. Dass die das mit mir machen, empfinde ich als wahnsinnige Ehre – schließlich bin ich 75 Jahre alt!

prisma: Was lieben Sie an Ihrer Arbeit?

Carlo von Tiedemann: Dass sie mich jung hält, weil sie jeden Tag anders und neu aufregend ist. Und dass ich immer noch so eine bestialische Freude daran habe! Ich lebe ja inzwischen 30 Kilometer von Hamburg entfernt, aber, ohne Flachs, ich steige jeden Tag mit einem Grinsen in mein Auto und fahre nach Roter Baum in den Sender. Und das nach 47 Jahren – was für ein geiles Geschenk! Also, wenn der NDR will, können wir in zwei Jahren gerne wieder verlängern. Warum soll ich denn nicht mit 80 noch arbeiten! Ich setze mir keine Grenze.

prisma: Empfinden Sie Bezeichnungen wie "Urgestein" und "Legende" als schmeichelhaft?

Carlo von Tiedemann: Ja, das höre ich immer wieder – und ich bin sehr stolz darauf. Dass das auch impliziert, dass ich alt bin, kann ich ab. Weil es ja stimmt: Ich bin ein alter Mann – nur fühle ich mich nicht so (lacht).

prisma: Was hat sich für Sie im Laufe der Jahre mehr geändert: die Arbeit beim Fernsehen oder die beim Radio?

Carlo von Tiedemann: Letzteres! Fernsehen ist für mich immer noch wie damals: Du gehst in die Maske, und dann machst du halt dein Ding. Aber beim Radio bist du heute Moderator und Regisseur in einer Person. Du bist Selbstfahrer: Du stehst vor diversen Monitoren, unzähligen Knöpfen und Reglern und siehst zu, wie du in deinem Mörderstudio zurechtkommst. Das ist ein Riesen-Technikbohei. Da fand eine Revolution statt. Ich weiß es noch wie heute: Vor 20, 25 Jahren, bei NDR2, saß ich einem Personalchef gegenüber und erklärte ihm meine große Sorge, dass wir den Toningenieuren die Arbeit wegnehmen, wenn es so weitergeht. Der Mann schaute mich mit arktischkalten Augen an und sagte: "Ja, dann können Sie doch gleich mitgehen!" Den interessierte es einen Scheißdreck, dass da Existenzen dranhängen.

prisma: Die Digitalisierung hat die komplette Medienbranche drastisch verändert ...

Carlo von Tiedemann: Natürlich. Früher war ein anderer Schnack. Früher war mehr Party. Wenn ich an die Zeit vor 30, 40 Jahren denke: Es hat viel mehr gemenschelt.

prisma: Wie ist es heute?

Carlo von Tiedemann: Wir haben viel weniger Zeit füreinander und miteinander. Das Intime, das sich durch das hektische, intensive Arbeiten Seite an Seite zwangsläufig ergeben musste, finde ich nicht mehr. Früher ist man nach dem Job noch mal in die Kneipe – heute sehen alle zu, dass sie schnell aus den Büros und nach Hause kommen. Jeder macht sein Ding. Das ist eben so – ich gehöre nicht zu denen, die sagen, dass früher alles besser war. Es war anders, freier, nicht so durchgetaktet wie heute.

prisma: Vermissen Sie manchmal die alten Zeiten?

Carlo von Tiedemann: Komischerweise nicht. Ich bin mit der Zeit gegangen und schaue im Grunde nicht zurück. Ein bisschen wehmütig werde ich höchstens in solchen Gesprächen (lacht) – ansonsten ist es verschenkte Zeit. Man muss mutig nach vorne denken und realisieren: Was war, kommt nicht wieder. Ende der Durchsage!

prisma: Denken Sie, dass Sie Ihr berufliches Potenzial voll ausgeschöpft haben?

Carlo von Tiedemann: Gute Frage, und ganz im Ernst: Ich hätte wohl richtig Karriere machen können, also auf Bundesebene, vielleicht mit einer großen Samstagabendshow oder so ... Aber daraus wurde nichts, weil ich damals, 1986, beim ZDF meine Sendung "Show & Co. mit Carlo" nach zehn Ausgaben hingeschmissen hatte.

prisma: Warum?

Carlo von Tiedemann: Mein Programmchef wollte mich damals in ein Klischee pressen. Er tönte: "Ihr alle seid doch Marionetten auf dem Jahrmarkt der Eitelkeit." Aber mit dieser Haltung hatte er sich geholfen, mich ganz schnell loszuwerden. Ich hörte auf, weil ich das Gefühl hatte, da will mich einer verändern. Und das geht nicht, ich habe mich nie verbiegen lassen. Wir hatten gute Quoten damals, ein tolles Team, im Grunde hatte alles gepasst – doch der von Tiedemann hat von heute auf Morgen gesagt: Jetzt ist Schluss! Die waren natürlich alle perplex. Ich ließ also Mainz hinter mir und machte wieder mehr beim NDR. Ich habe es nie bereut.

prisma: Was viele nicht wissen: Sie waren einige Jahre Stadionsprecher beim HSV. Sind Sie noch manchmal im Stadion?

Carlo von Tiedemann: Natürlich. Der Abstieg war scheiße. Ich bin aber ganz sicher, dass wir ganz schnell wieder aufsteigen. Wir gehören in die erste Liga. Übrigens trete ich in Benefizkicks selbst noch gegen den Ball. Für zehn Minuten reicht es – dann lass ich mir von meinem Freund Walter Eschweiler Rot geben, das haben wir heimlich so abgesprochen (lacht)!

prisma: Wie halten Sie sich fit?

Carlo von Tiedemann: Ich habe mir einen Schrittzähler zugelegt und gehe jeden Tag 10.000 Schritte, jeden Tag sechseinhalb Kilometer, fast 100 Kilometer im Monat! Heute liege ich aktuell bei ... Moment ... 5.656. Also: Ich muss gleich noch mal raus. Haben Sie noch Fragen?

prisma: Ja. Das NDR-Fernsehen gratuliert Ihnen auf zwei Tage verteilt mit drei Sondersendungen zum Geburtstag. Was ist geplant?

Carlo von Tiedemann: Eine ganze Menge. Was spektakulär wird: Für das NDR-Magazin "DAS!" habe ich mich selbst interviewt – ich trete als Reporter auf und gleichzeitig auch als Carlo, in verschiedensten Aufzügen. Ich musste mich bestimmt 30-mal umziehen. Die Sendung (am Samstag, 20. Oktober, 18.45 Uhr, d. Red.) wird den Talk auf dem roten Sofa auf eine neue Ebene bringen (lacht). Bereits am Freitag, 19. Oktober, bin ich ab 22.00 Uhr Gast in der "NDR Talk Show", die an dem Abend ausnahmsweise live gesendet wird – weil wir um Mitternacht auf meinen Geburtstag anstoßen wollen. Es soll eine Sendung mit Überraschungen werden: Was geplant ist, werde ich bis zuletzt nicht erfahren. Unter anderem ist mein Kumpel Tim Mälzer dabei – das kann also nicht schlecht werden. Vielleicht kocht er für alle! Nach dem Talk gibt es ab 00.15 Uhr unter dem Titel "Happy Birthday, Carlo!" eine einstündige Sendung über mich, mit vielen Freunden und Weggefährten. Das rührt mich schon alles.

prisma: Was war die heikelste Frage, die Sie sich auf dem roten Sofa selbst gestellt haben?

Carlo von Tiedemann: Na, die nach meiner Vergangenheit. Das ist der einzige Punkt, wo ich ins Schwimmen gerate. Weil ich mich abgrundtief schäme – dafür was ich anderen und dann mir selbst angetan habe.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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