"Altes Land": Romanverfilmung mit Top-Besetzung
Der Roman "Altes Land" von Dörte Hansen eroberte 2015 die Bestseller-Listen. Das ZDF hat den Stoff als Zweiteiler verfilmt. Lesen Sie hier die Kritik.
"Altes Land" nennt sich die idyllische Region westlich von Hamburg, die mit hübschem Fachwerk und blühenden Obstbäumen zu verzücken weiß. "Altes Land" lautet auch der Titel eines beliebten Romans, der 2015 erschien und in jener landschaftlich reizenden Gegend angesiedelt ist. Das Buch von Autorin Dörte Hansen diente als Vorlage für den gleichnamigen Zweiteiler, den das ZDF nun an zwei aufeineinanderfolgenden Abenden zur Primetime ausstrahlt. Die außergewöhnlich und sensibel verfilmte Geschichte um drei Generationen von Frauen, die in unterschiedlichen Epochen im selben Hof Zuflucht finden, beleuchtet auf verschiedenen Zeit- und Deutungsebenen aus vornehmlich weiblicher Perspektive die deutsche Vergangenheit und Gegenwart – und wartet dabei mit einer starken Besetzung auf.
Iris Berben gibt – in ungewöhnlicher Maske – die eigenbrötlerische Vera, die einst mit ihrer Mutter Hildegard von Kamcke (Birte Schnöink) aus Ostpreußen flüchtete und schließlich an jenem Hof landete, der ihre Heimat werden sollte. Klug verknüpft der Film unter Regie von Sherry Hormann, die auch das Drehbuch verfasste, die unterschiedlichen Zeiten: Einerseits die Welt der jungen Vera (Maria Ehrich), die als Flüchtling von den Einheimischen erst als "Polackin" beschimpft wurde, das Ankommen letztlich aber ihrem Stiefvater Karl (jung: Kilian Land) sowie dem Nachbarn und besten Freund Hinni (jung: Marius Ahrendt) verdankte. Andererseits die Welt der gealterten und verschrobenen Vera, die sich bis zu dessen Tod um Karl (alt und fantastisch: Milan Peschel) kümmerte, und abseits von Hinni (alt: Peter Kurth) niemanden in ihr Leben und auf den Hof lässt.
Ensprechend abweisend ist die Alte zunächst, als Anne (Svenja Liesau), die Tochter ihrer Halbschwester Marlene (Nina Kunzendorf) in der Gegenwart ebenfalls Zuflucht auf dem Hof sucht: Gemeinsam mit ihrem vierjährigen Sohn Leon (Marian Dilger) will die Städterin einem aus ihrer Sicht falschen und gescheiterten Lebensentwurf entkommen. War das Landleben für Vera einst letzte Überlebenschance, schaut sich die nächste Generation nun – aus ganz anderen und doch ähnlichen Gründen – ebenfalls verzweifelt nach einem Ausweg um. Die Frage nach Zugehörigkeit, Herkunft und Identität beschäftigt beide Frauen gleichermaßen. Die unterschiedlichen Generationen müssen sich dem schwelenden und weitergegebenen Trauma von Heimatlosigkeit und Flucht stellen – eine universelle Lesart, die hochpolitisch und aktueller denn je erscheint.
Das historische und familiare Trauma, es wirkt in "Altes Land" tief in die Seelen und Beziehungen der Frauen hinein – jede ist auf ihre Weise beschädigt und zugerichtet. Und doch: Langsam gelingt es der distanzierten Vera, die von Liebe und Freundschaften enttäuschte Anne zu verstehen – eine langsame Annäherung, die sich auch auf das von fehlender Kommunikation und Missverstädnissen geprägte Verhältnis zu ihrer Halbschwester Marlene auswirkt. Diese wiederum musste als Nachkriegskind zwar die Schrecken der Vertreibung nicht erleben, sah in Vera aber immer diejenige, die von der Mutter mehr geliebt wurde. Zugleich gab Marlene die Erfahrung der Ablehnung an ihre Tochter Anne weiter, der sie oft mit Abstand und kühl begegnet. Kann dieses Gewirr aufgelöst werden? Und kann eine Mutter-Tochter-Reise auf das ehemalige Familiengut im heutigen Polen helfen?
Freud, Familienpsychologen und Traumaforscher hätten ihre wahre Freude an einer Konstellation, deren weibliche Dimension – mit Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts – bislang stark vernachlässigt wurde: Schließlich waren die Männer gefallen oder gefangen, während Frauen im Nachkriegsdeutschland den Überlebenskampf anführten – und gezwungen waren, die komplette Organisation des Lebens zu übernehmen. Dass weibliche Traumata und Erfahrungen weitergegeben werden, dass Geschichte nicht einfach vergeht, das zeigt "Altes Land" eindrücklich auf – obwohl oder gerade weil der Zweiteiler "keinen Plot im üblichen Sinne" besitzt, wie Regisseurin Hormann richtigerweise sagt.
Dass die Handlung weniger fortschreitet, und vielmehr immer wieder um alte und neu erlebte Erfahrungen kreist, ist ein großer Glücksfall: Wie im echten Leben und in der tatsächlichen Historie wird Familien- und sonstige Geschichte nicht holzschnittartig erlebt und abgehakt, sondern immer wieder neu gedeutet, umgestülpt und anders, meist ambivalent, verarbeitet. Das zeigt "Altes Land" auch anhand seiner weiteren Figuren, die insbesondere von der Widersprüchlichkeit des Landlebens erzählen: Da wären die Aussteiger Burkhard und Eva Weißwerth (Matthias Matschke und Henny Reents) aus Hamburg, die das Leben abseits der Großstadt romantisieren und von der Realität eingeholt werden; da wären aber auch die Bauern Britta und Dirk zum Felde (Lina Beckmann und Bernd Hölscher), die sich gegen den Öko-Trend der Städter wehren wollen.
Auch wenn man sich zunächst auf die gewagte Erzählweise und die komplexen Verstrickungen einlassen muss: "Altes Land" erfrischt als historisches, gesellschaftliches und psychologisches Porträt mehrerer Generationen – und scheut dabei weder vor den großen Widersprüchen noch vor den kleinen Widrigkeiten zurück. Den ersten Teil "Ankommen" zeigt das Zweite am Sonntag, 15.11., 20.15 Uhr, die Fortsetzung "Bleiben" läuft am Montag, 16.11., ebenfalls um 20.15 Uhr im ZDF.
Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH